Unconscious Bias – Das Märchen der Vorurteilsfreiheit

Die meisten Menschen würden sich wohl als relativ tolerant und offen beschreiben. Die einen stecken ihre Grenzen etwas enger ab, die anderen fassen sie etwas weiter. „Ich behandle alle Menschen gleich“ ist ein sehr beliebter Satz. Aber ist das überhaupt möglich? Spoiler und wenig überraschender Alert: Nein. Aber warum ist es nicht möglich, alle Menschen gleich zu behandeln? Schuld daran sind unbewusste Denkprozesse. Schon bevor wir in Kontakt mit anderen Personen treten, hat sich das Unterbewusstsein schon dafür entschieden, wie wir unser Gegenüber finden. Im Englischen gibt es einen Begriff dafür: Unconscious Bias, zu Deutsch: unbewusste Vorurteile.

Schuld an unbewussten Vorurteilen ist das ressourcensparende Gehirn

Gehen wir aber hier erstmal einen Schritt zurück, denn unbewusste Vorannahmen entstehen im menschlichen Gehirn. Frischen wir dazu unser Schulwissen auf.

    1. 1. Das Gehirn wiegt etwa 1,5 Kilogramm und nimmt ungefähr 2% unseres Körpergewichts ein. Es verbraucht allerdings 20% unserer gesamten Energie. Also ein Haufen Energie für so ein „kleines“ Organ. Nun versucht das Gehirn möglichst energieeffizient zu arbeiten. Das wiederum hat eine immense Auswirkung darauf, in welcher Art und Weise bestimmte Entscheidungen getroffen werden.
    2. 2. Das Gehirn hat etwa 90 Milliarden Gehirnzellen, von denen jede rechnerisch 1000 Verbindungen eingehen kann. Das bedeutet etwa 100 Billionen Synapsen, also Verbindungen, die durch Erfahrungen gebildet werden. Diese Erfahrungen beginnen bereits im Mutterleib und beeinflussen die eigene Wahrnehmung.

Was sagt uns das jetzt? Das Gehirn trifft möglichst energieeffizient Entscheidungen und greift bei der Entscheidungsbildung auf vorhandene Erfahrungen zurück. Insbesondere in Alltags- oder Stresssituationen macht sich dies bemerkbar, wenn keine oder wenig Reflexionsmöglichkeit- und zeit vorhanden ist, um Entscheidungen grundlegend zu überdenken. Im Autopilot Modus erfolgt ein Abgleich mit vergangenen Ereignissen und darauf basierend wird gehandelt.

Jede*r hat unbewusste Vorurteile

Machen wir einen kleinen Test. Stellen Sie sich eine Führungskraft vor. Wie sieht diese Person aus? In der Regel, wenn Sie nicht gerade einen Artikel über unbewusste Vorurteile lesen, ist diese Person meist männlich, mittelalt und weiß. Nur selten werden in der Vorstellung Frauen mit Führungsposition assoziiert. Ob aufgrund ihres Geschlechts, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, Kleidung, Statur, Alter oder oder oder – ohne es zu wollen, stecken wir andere Menschen ganz automatisch in Schubladen. So tragen wir alle unsere unbewussten Vorurteile in uns, die unsere täglichen Entscheidungen und Handlungsweisen wesentlich beeinflussen. Denken wir nun an Personalabteilungen in Unternehmen. Die Entscheider*innen treffen u.a. eine Auswahl basierend auf ihren unbewussten Vorannahmen. Was zur Folge hat, dass möglicherweise gut qualifizierte Menschen aufgrund meist sichtbarer Merkmale nicht berücksichtigt werden.

Lösungen zum Umgang mit unbewussten Vorurteilen

Die Personalstruktur von Unternehmen und Organisationen sähe wohl wortwörtlich anders aus, wenn die Zeit da wäre, jede Entscheidung genauestens zu hinterfragen. Warum wurde genau diese Person nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen, warum soll jenes Teammitglied befördert werden oder warum werden neue Aufgaben ausgerechnet von einer externen, statt qualifizierten internen Fachkraft verantwortet. Diese Zeit und auch der finanzielle Rahmen fehlen aber meist.

Es gibt einen sogenannten impliziten Assoziationstest, in dem man sich selbst und die eigenen unbewussten Vorannahmen überprüfen kann. Dies kann ein erster Schritt sein, um den eigenen unbewusste Vorurteile auf die Schliche zu kommen.

Auch Diversity Trainings helfen, das Bewusstsein zu schärfen. Hierbei ist es wichtig, eigene Strategien für konkrete Situationen zu entwickeln, z.B. in Bewerbungsgesprächen oder um die Zusammenarbeit in Teams zu verbessern. Im Idealfall ist das sichtbar machen von unbewussten Vorurteilen Teil einer Diversity Gesamtstrategie. Vor allem aber steht die Anwendung der Strategien im Arbeitsalltag im Mittelpunkt, um unbewussten Vorurteilen entgegenzuwirken. Gleichzeitig ist das auch die größte Herausforderung. Eingebettet in eine Prozessbegleitung können die Schritte und Strategien immer wieder aufs Neue überprüft werden.

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